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Wo bist Du?

 

Dieter steht vor dem Badezimmerspiegel. Er schaut in das Gesicht eines Mannes „in den besten Jahren“ wie es so schön heißt. Heute ist sein fünfzigster Geburtstag. Seine Frau wollte diesen Tag unbedingt mit Freunden und Verwandten feiern, also muss er sich wohl oder übel ordentlich rasieren und seinen besten Anzug aus dem Schrank holen.

 

Sorgfältig beginnt er, Rasierschaum in seinem Gesicht zu verteilen. Für einen Moment hält er inne und schaut seinem Spiegelbild direkt in die Augen.

„Über die Augen soll man tief in die Seele blicken können“, denkt er. “Alles, was ich sehe, ist ein Mann mit einem Schaumbart im Gesicht. Was bedeutet das überhaupt – Seele. Und wenn wir schon mal dabei sind, wo bist Du, Gott? Ich hatte gehofft, Dich im Laufe der Jahre schon zu finden. Du kannst mir glauben, ich habe mich wirklich darum bemüht. Manchmal dachte ich, Du bist zum Greifen nahe, doch dann fühlte ich mich wieder einsamer als jemals zuvor. Ich habe die halbe Welt bereist und besuchte viele verschiedene Gotteshäuser, doch alles, was ich fand war die Erkenntnis, dass Kirchenbänke überall gleich hart sind“.

 

Gedankenverloren rasiert Dieter sich weiter. Plötzlich befördert ihn ein stechender Schmerz zurück in die Gegenwart. Vor Schreck lässt er den Rasierer fallen, der, einmal losgelassen, problemlos bis unter das Badezimmerschränkchen rutscht. Leise fluchend kniet er nieder, um das gute Stück wieder aufzuheben. Als er den Rasierer zu fassen bekommt, klingelt schrill sein Handy, das über ihm auf der Ablage liegt. Sein Kopf schnellt hoch und knallt mit voller Wucht gegen das Waschbecken. Zuerst sieht er Sterne, dann wird alles schwarz. Einen kurzen Moment später umfängt ihn ein warmes helles Licht, das seinen ganzen Körper zu durchfluten scheint. Er beginnt, sich zu entspannen was es ihm ermöglicht, seine Umgebung immer deutlicher wahrzunehmen. Da, wo vor ein paar Minuten noch seine Badewanne gewesen ist, sitzt jetzt ein älterer Herr auf einem bequem aussehenden Sofa.

„Mit dem weißen Gewand, dem langen weißen Bart und diesem Blick, der alles mit liebevoller Güte zu betrachten scheint, könnte dieser Mann glatt eine Rolle in einer Bibelverfilmung bekommen“, schießt es Dieter durch den Kopf.

 

„Da bin ich aber froh, dass ich deiner Vorstellung von mir entspreche“, kommt es postwendend als Antwort aus Richtung des Sofas. „Na komm, setz dich zu mir. Förmlich zu knien ist höchstens in einigen Kirchen Brauch. Ich finde eine Unterhaltung auf Augenhöhe weitaus angenehmer“.

 

Völlig verwirrt steht Dieter auf und setzt sich in gebührendem Abstand - soweit das Sofa so etwas überhaupt zulässt – neben den freundlich lächelnden Herrn.

 

Er wusste nicht, ob er wach war oder träumte. Diese ganze Szene hätte aus einem der Filme stammen können, die seine Frau so gerne sieht. Gleichzeitig zweifelt er keine Minute daran, dass die Person, die da neben ihm sitzt, genauso real ist wie er selbst.

 

„Mein lieber Dieter, warum machst du ein so erstauntes Gesicht? Du tust ja gerade so, als würden wir zwei uns heute zum ersten Mal begegnen“.

 

 

 

„Aber das machen wir ja auch!“, bricht es aus ihm hervor. „Ich habe so viele Bücher gelesen, habe heilige Orte besucht und mit frommen Menschen geredet, aber gefunden habe ich Dich nicht. Ich gehe ziellos und ohne Führung durch mein Leben. Da ich einfach nicht weiß, wie ich dich finde, werde ich wohl auch niemals bei Dir ankommen.“ Mit hängendem Kopf schaut er auf seine Hände, die er nervös immer wieder öffnet und schließt.

 

Sanft umfasst Gott Dieters Hände. Augenblicklich wird dieser wieder ruhiger.

„Ich kenne dieses Gefühl“, stellt er verwundert fest. „Wenn ich ein Problem habe, für das ich keine Lösung finde, gehe ich gerne spazieren; am liebsten in einen Wald. Nach einer Weile werde ich dann ganz ruhig, so wie jetzt. Meistens kommt dann eine Antwort von ganz alleine“. Gott lächelt ihn an. Dieter hat das Gefühl, seine sanften Augen schauen direkt in sein Herz.

 

„Du glaubst nicht“, setzt er die Unterhaltung fort, „woran ich gerade denken muss. - Ich denke an die Geburt meiner Enkelin Sarah. Als ich sie das erste Mal in den Armen hielt, hatten ihre Augen den selben Glanz wie gerade Deine. Sie ist wahrlich ein kleiner Engel“.

 

Dieter ist verwirrt. Eine kleine Ewigkeit später (oder war es nur ein kurzer Augenblick?), ergreift Gott das Wort: „Du scheinst etwas auf dem Herzen zu haben. Nur zu, sprich es aus. Ich höre dir zu.“

 

Dieter zögert, doch dann bricht es aus ihm heraus: „Dass Du in schönen Momenten anwesend bist, ist ja gut und schön, aber in schlechten Tagen hätte ich Deine Nähe weit aus nötiger. Wo warst Du als vor drei Jahren mein Sohn starb? Da war keine Wärme, kein Lächeln, kein Licht. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich an diesem Tage selber gestorben. Wenn meine Frau und meine Tochter meine Trauermiene nicht so geduldig ertragen hätten, wenn einige liebe Freunde nicht so hartnäckig versucht hätten, dass ich, dass meine Familie wieder ins Leben zurückfindet, weiß ich nicht, wo ich heute wäre. Ich frage mich immer noch, woher sie wohl die ganze Kraft dafür gefunden haben….“

 

Mit weit geöffnetem Mund schaut Dieter auf Gott. Plötzlich dreht sich alles um ihn herum. Er schließt seine Augen. Als er sie wieder öffnet, steht er vor dem Badezimmerspiegel und sieht in sein mit Rasierschaum beschmiertes Gesicht.

„Wie lange stehe ich wohl schon so da?“ überlegt er, während er langsam seinen Mund wieder schließt. Noch etwas benommen, rasiert er sein Gesicht zu Ende.

„Habe ich das alles nur geträumt? Kann die Antwort wirklich so einfach sein?“ Er zieht sein Hemd über. Mit jedem Knopf, den er verschließt, fühlt er sich klarer und präsenter. Noch etwas wackelig auf den Beinen schlüpft er in seine Hose. Er streift sein Jackett über und

verlässt das Bad. Traum hin, Halluzination her, eines ist ihm jetzt auf jeden Fall ganz klar. Er feiert heute Abend nicht nur den Beginn eines neuen Jahrzehnts, sondern auch das Ende einer langen, langen Suche.

 


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